Prof. Bernhard Weßels – Vermögensverteilung in Deutschland

Arme bleiben arm, Reiche werden noch reicher

 

Arme bleiben arm, und Reiche werden noch reicher, so lässt sich eine neue Berechnung zusammenfassen, die gerade in Deutschland veröffentlicht wurde. Nach Ermittlungen des Bundessozialministeriums konzentriert sich nämlich das Vermögen zunehmend in den Händen der Reichen. Danach verfügten im Jahr 2013 zehn Prozent der Haushalte über 51,9% des gesamten Vermögens. Im Jahr 1998 seien es noch 45,1 Prozent gewesen. Das ist ein Anstieg von fast sieben Prozentpunkten. Berechnungsgrundlage sei die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe gewesen (EVS), die alle fünf Jahre erhoben wird. Ein Gespräch mit Professor Bernhard Weßels vom „Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung“ über die Ergebnisse der Erhebung und wie man hierzulande eine gerechtere Vermögensverteilung erzielen könnte.

 

Bernd Sobolla: Professor Weßels, mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens in Deutschland konzentriert sich auf 10 Prozent der Haushalte. 1998 waren es noch 45 Prozent. Das klingt ungerecht. Aber definieren wir zunächst: Was wäre eine angemessene Verteilung? Gibt es so etwas überhaupt?

Prof. Bernhard Weßels: Das hat ein bisschen damit zu tun, was man unter Gerechtigkeit versteht und gerechtem Lohn für gute Arbeit. Wenn Sie sich die Jahre seit der deutschen Vereinigung vor Augen führen: Wie hoch war das Reallohneinkommen: Wie ist es bei den Arbeitnehmern zwischen 1990 und 2012 gestiegen? Dann haben Sie, wenn Sie 1990 auf 100 setzen, dann sind Sie im Jahr 2012 bei 101,7. Wenn Sie sie sich ansehen, wie der gesellschaftliche Reichtum in der gleichen Zeit gestiegen ist, dann sind das 135 Punkte. Das heißt, der gesellschaftliche Reichtum hat sich enorm erhöht, die normalen Arbeitnehmer haben daran aber nicht partizipiert. Vor der Wiedervereinigung war es, dass die Lohnzuwächse im Rahmen der Produktivitätsgrenzen der Wirtschaft lagen, aber eben an die Produktivitätszuwächse heran gingen. In den letzten zwei Jahren ist es etwas besser geworden, aber bis 2012 hatten wir keine Teilhabe der normalen Arbeitnehmer an den Produktivitätszuwächsen. Das kann man als ungerecht empfinden.

Professor Bernhard Weßels

Professor Bernhard Weßels

Dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander geht, ist kein neues Phänomen, und es ist der Politik bekannt. Dennoch sehe ich keine Anzeichen dafür, dass die Politik gegensteuern würde. Übersehe ich etwas?

Die Debatten darüber gibt es immer wieder, auch von der linken Seite des politischen Spektrums. Real wird nichts getan. Man könnte fordern, ein Steuersystem zu schaffen, das dafür sorgt, dass die, die sehr viel verdienen oder sehr viel Vermögensgewinne machen, zumindest ebenso besteuert werden wie die, die wenig verdienen. Das wird nicht gemacht. Auch das ist ein Grund, warum die Schere aufgeht.

Warum reagiert die Bundesregierung nicht? Was für mögliche Gedankenspiele stecken hinter der Tatenlosigkeit?

Wir haben in den Wirtschaftswissenschaften ab Mitte der 1980er Jahre eine Art Paradigmenwechsel gehabt. Wie hatten lange Zeit quasi eine ökonomische Theorie, die nahe legte, man müsse die Nachfrageseite, die normal arbeitenden Menschen, stärken, damit eine Wirtschaft gut floriert. Das wurde dann umgestellt angesichts der Wirtschaftskrisen, die zunächst in Zusammenhang mit der Ölkrise die Wachstumsraten drückte. Dann begann die Politik, auf eine so genannte angebotsorientierte Politik umzustellen. Das heißt, denjenigen, die produzieren, die Unternehmer sind usw., die Benefits zuzuschieben, Subventionen zu geben, Investitionserleichterungen zu fördern. Und das hat sich eigentlich bis heute gehalten. Es ist immer noch das dominante Kalkül: „Wenn wir nicht dafür sorgen, dass es denjenigen, die investieren, die Unternehmen haben, gut geht, dann haben wir kein Wachstum. Und wenn wir kein Wachstum haben, haben wir keine Möglichkeit, Arbeitslosigkeit aufzufangen. Dann haben wir keine Möglichkeit, in der Politik irgendwas zu gestalten, weil wir keine steigenden Steueraufkommen haben, sondern die Staatsdefizite wachsen usw. Im Grundsatz lautet das Argument: „Man muss den Markt und die Marktakteure stärken, damit es allen gut geht. Das Produkt ist zunehmende Ungleichheit.“

Ist das ein rein deutsches Phänomen oder ein europäisches oder gilt dies für Industrienationen ganz allgemein?

Das ist ein generelles Phänomen. Man kann zwar nicht sagen, dass es in allen Ländern so ist. Aber in Deutschland haben wir das Phänomen, dass es besonders stark angestiegen ist. Das hat damit zu tun, dass die Reallöhne nicht an die Produktivitätszuwächse und dementsprechend Wohlstandszuwächse angepasst wurden. Deutschland war eigentlich, was Ungleichheit angeht, immer im unteren Mittelfeld. Und wir sind jetzt sehr gut bei den, sagen wir in diesem Sinne, schlechten Nationen, also den Nationen, bei denen Ungleichheit herrscht. Das ist aber ein Phänomen, das Sie auch in den USA haben. Dort hat Thomas Picketty, ein französischer Ökonom an der Harvard University, nachgewiesen, dass die Ungleichverteilung der Vermögen in den USA – auch weltweit – zugenommen hat. Sie haben in den meisten europäischen Ländern, Ausnahme – wo es also sehr viel schwächer geschieht – sind die skandinavischen Länder. Das hat mit der wohlfahrtsstaatlichen und egalitären Tradition dieser Gesellschaften und der dort gemachten Politik zu tun. Es ist aber auch dort so, dass Ungleichheit zunimmt. Aber nicht in dem Maße wie sie in den letzten drei Jahrzehnten in Deutschland, in den USA oder auch insbesondere in Südeuropa zugenommen hat.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Einfach nur eine Reform des Steuerwesens? Man muss ja nicht die Unternehmensaktivitäten bekämpfen.

Es hat natürlich eine ganze Menge damit zu tun, wie die Macht der Akteure auf den Arbeitsmärkten gestaltet ist. In dem Moment, wo Sie eine Situation haben mit hoher Arbeitslosigkeit und geringem Wachstum, sind die Arbeitgeber natürlich in einer stärkeren Position, können immer das Argument machen: „Lohnsteigerungen schaden der Wirtschaft. Wir werden dann

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung am Reichpietschufer in Berlin-Schöneberg. HIer forscht Professor Bernhard Weßels.

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung am Reichpietschufer in Berlin-Schöneberg. Hier forscht Professor Bernhard Weßels.

Arbeitsplätze vernichten müssen. Und dementsprechend steigt die Arbeitslosigkeit!“ Wenn Sie eine Situation des Wachstums haben, wo Arbeitskräfte möglicherweise auch knapper werden, haben Sie eine Situation, wo die Gewerkschaften sagen können: „Wir wollen an dem wachsenden Reichtum teilhaben! Das passiert. In den letzten Jahren haben wir eine gute wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland gehabt. Und seit dem sind die Gewerkschaften auch wieder offensiver geworden. Das wird sich wahrscheinlich auch noch fortsetzen. Es sei denn, wir kommen wieder in eine wirtschaftlich schlechte Lage. Ich habe aber nicht die Erwartung, dass sich damit das Paradigma der Politik vollständig umstellt. Weil wir eben auch auf der linken Seite, wenn man das so sagen kann, bei den Sozialdemokraten in Deutschland, eine stark angebotsorientierte Wirtschaftspolitik haben. Die hat sehr früh angefangen mit Helmut Schmidt. Der musste auch Wirtschaftskrisen bewältigen. Aber die letzten Schritte, die die Regierung von Gerhard Schröder durchführte, mit der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, Einführung eines Niedriglohnsektors, sind für solche Prozesse natürlich nicht ohne Verantwortung. Das wird sich nicht so schnell ändern. Es sei denn wir haben eine sehr gute und mittelfristige Wachstumsprognose.

Die Partei Die Linke hat eine Millionärssteuer gefordert. Halten Sie so etwas für sinnvoll?

Grundsätzlich kann man die Frage stellen, ob man nicht an die großen Einkommensvermögen oder diejenigen, die hohe Einkommen haben und entsprechende Vermögen, ob man da nicht stärker herangeht. Wir haben sicherlich keine Steuergerechtigkeit. Diejenige, die viel haben, zahlen im Schnitt weniger Steuern. Deutschland ist eine Steueroase, wird auf Platz 8 der Steueroasenländer geführt. Macht man sich nicht so klar. Aber es gibt eben sehr, sehr viele Ausnahmen, die den Unternehmen gewährt werden, die dann dazu führen, dass es hierzulande sehr lukrativ ist für Unternehmen. Und das schlägt sich in den Portemonnaies derjenigen nieder, die diese Unternehmen besitzen. Meines Erachtens könnte man da rangehen, ohne das Risiko, dass die Unternehmen abwandern. Denn damit wird immer schnell gedroht: „Wir sind dann nicht mehr konkurrenzfähig! Wir haben kein Geld mehr für Investitionen!“ Halte ich für relativ großen Nonsens. Meiner Meinung nach kann man das machen. Aber das ist natürlich eine politische Machtfrage. Man muss sich dann durchsetzen gegen die starken Wirtschaftsverbände und muss mit sehr viel Gegenwind rechnen. Und das ist das Problem, womit die großen Parteien zu kämpfen haben. Die wollen natürlich nicht eine Politik befördern, von der sie meinen, dass sie zwar richtig sei, die aber von der Bevölkerung nicht angenommen werde. Denn dann verlieren sie die Wahlen. Insofern sind die Sozialdemokraten auch sehr vorsichtig. Und die Partei „Die Linke“ hat, glaube ich, auf absehbare Zeit keine echte Chance ihre Politik durchzusetzen.

Welche gesellschaftlichen Risiken sehen Sie, wenn wir dieses Problem weiter ignorieren? Wenn die Schere weiter auseinander geht?

Die Schere ist ein Gerechtigkeitsproblem. Sie macht sich aber als soziales Problem eigentlich nur dann bemerkbar, wenn es bedeutet, dass es nicht einen Fahrstuhl für alle nach oben gibt. Nehmen wir mal an, wir haben eine Situation des Wirtschaftswachstums und alle haben an diesem Wirtschaftswachstum teil. Diejenigen, die nicht viel haben, nicht so stark wie die, die viel haben. Aber auch für sie geht es nach oben. Dann ist es weniger ein Problem als eine Situation, in der das untere Drittel einkommensmäßig stagniert. Und das ist das, was wir momentan haben. Das ist aber ein Problem, weil diese Leute für sich natürlich auch weniger Zukunftsperspektive sehen, sich von der Politik abwenden, zu Nichtwählern oder Protestwählern werden oder eben in Bewegungen einmünden, die wir momentan auch beobachten können. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Deprivationserleben, also Benachteiligungserlebnissen, und einer in die rechte Ecke tendieren politische Orientierung. Wenn eine Gesellschaft so was nicht haben will, dann muss sie dafür sorgen, dass alle teilhaben.