Der Boden, von dem wir leben

Ausstellung im Projektraum der Group Global 3000 in Berlin

  1. August 2018 bis 19. Oktober 2018

 

Die Ausstellung „Der Boden, von dem wir leben” widmet sich dem Erdreich, dessen oberste Schicht durch Asphalt und Beton zunehmend versiegelt wird. Zudem schwemmt die industrielle Landwirtschaft den Humus ab: Der Boden verliert die Fähigkeit, Wasser aufzunehmen, zu halten und zu filtern. Die passende Ausstellung zu Jahrhundertsommer, Trockenheit und Ernteausfall… Siebzehn Künstlerinnen und Künstler präsentieren Performance und kollektive Aktion, Objekt und Skulptur, Installation und Fotografie, Malerei, Zeichnung, Video und Ton. Eine Interviewreise von Bernd Sobolla durch die Ausstellung.

"Kartoffel", Irne Hoppenberg

„Kartoffel“ von Irne Hoppenberg (Foto © Bernd Sobolla)

Noch vor der Galerie treffe ich Tom  Albrecht, er ist Künstler und Gründer der Group Global 3000
Eine gute Gelegenheit für eine erste Frage.

Tom, haben Sie mit diesem Jahrhundertsommer gerechnet? Das Motto der Ausstellung passt ja perfekt zur aktuellen Landwirtschaftskatastrophe.

Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. Die Hitzewell hat uns überfallen. Wir haben auch eine lange Vorbereitungszeit. Da fällt es uns schwer, auf aktuelle Dinge einzugehen. Aber es stimmt, „der Boden, von dem wir leben“ passt perfekt – leider.

Gleich neben der Eingangstür steht die „Kartoffel“ von Irene Hoppenberg, die etwa 50cm breit und 30cm hoch ist.

Irene, Sie haben eine große Kartoffelskulptur gemacht. Allerdings sehe ich keine Reste von Erde daran?

Es ging mir nicht darum, dass sie super naturalistisch aussieht. Es ist ja ein Kunstwerk. Es muss keine Kartoffel sein, in die man hineinbeißen möchte.

Skulptur und sozialer Akt

Welchen Stellenwert hat diese Kartoffel für Sie?

Die Kartoffel ist nur eine Idee, eine Grundlage: Sie kommt aus der Erde und wird in einigen Regionen auch Erdapfel genannt. Für mich ist die Kartoffel aber auch ein Stück Brandenburg. Friedrich der Große brachte sie Mitte des 18. Jahrhunderts nach Brandenburg, um die Bauern (und das ganze Volk) vor dem Hungerstod zu retten. Lange Zeit wurden Kartoffeln sehr viel in Brandenburg angebaut. Heute werden allerdings mehr Mais und Rapps angebaut. Ich habe mir die Kartoffel ausgesucht, weil sie eine passende Skulptur ist. Außerdem habe ich Kartoffeln gekocht und das auf Bildern dokumentiert. Es ging mit darum, eine Skulptur, das Leben in Brandenburg auf einem Hof und die einfachen Kartoffelgerichte, die wir gemeinsam essen, miteinander zu verbinden. Es geht also auch um einen sozialen Akt.

Im zweiten Raum hat Sabine Naumann-Cleve eine Zinkwanne fast bis zum Rand mit Erde gefüllt.

 „In der Erde steckt ja auch Wissen“
Barbara Neumann-Cleve

In Sabine Neumann-Cleves Zinkwanne sind die Keimlinge noch kaum zu erkennen. (Foto © Bernd Sobolla)

 Sabine, eine solche Zinkwanne stand früher im Garten meiner Tante, und ich konnte darin im Sommer baden. Darum geht es aber bei Ihrem Werk nicht.

Sabine Naumann-Cleve: Diese alte Zinkwanne habe ich gefunden. Für mich ist sie vor allem ein wertvolles altes Gerät. Sicher könnten kleine Kinder darin auch baden. Aber für mich ist es etwas, in dem ich Dinge aufbewahren kann. Ich benutze sie eher, um Pflanzen einzusetzen. Für mich steht die Wanne auch für altes Wissen, z.B. für alte Handwerkskunst oder traditionelle Tätigkeiten. Deshalb habe ich bewusst diese alte Zinkwanne genommen und nicht einen Plastikkorb oder eine Plastiktonne. Ich wollte einen alten Gegenstand für meine Erde haben. In der Erde steckt ja auch Wissen. Ich bin richtig stolz auf diese erdgefüllte Zinkwanne, weil ich darin gebrauchte Erde aus alten Pflanztöpfen und Balkonkästen gesammelt habe, aus der die Nährstoffe heraus sind. Denn die Pflanzen haben sich im Sommer die Nährstoffe aus der Erde gezogen. Deshalb habe ich dann fermentierte Küchenabfälle, organische Küchenabfälle 1 zu 1 mit der Erde gemischt. Und dabei ist dann im Verrottungsprozess diese feinkrümelige Erde entstanden.

Sabine Naumann-Cleve

Sabine Naumann-Cleve vor „Mutterkuchen“ (Foto © Bernd Sobolla)

Aber neue Pflanzen sind nicht entstanden.

Doch. Wenn man genau hinschaut, sieht man hier und da kleine Keimlinge. Wenn die organischen Küchenabfälle fermentiert werden, ist das ein bisschen wie Sauerkraut herstellen. Der Fermentierungsprozess ist ein Gärungsprozess ohne Sauerstoff. Dadurch verrottet es ja noch nicht. Sondern es wird in ein saures Milieu überführt, was dafür sorgt, dass es nicht schimmelt. Das ist ein großer Vorteil, dass man selber fruchtbare Erde herstellen kann, ohne einen Komposthaufen zu haben. Denn es ist ja ein Problem, dass der Kompost schimmelt, wenn er nicht sachgemäß behandelt wird.

Garniert mit einer Goldschleife

Sie präsentieren noch ein zweites Kunstwerk: Ein schwarzer, etwa brikettgroßer Sarg aus Erde. Auf ihm liegt eine schwarze Gabel, und die beide sind mit einer goldenen Schleife umwickelt. Aber vielleicht ist meine Assoziation völlig falsch…

Sabine Naumann-Cleve

„Mutterkuchen“ von Sabine Naumann-Cleve (Foto © Bernd Sobolla)

Ich finde es ganz wichtig, dass man seinen Augen traut. Und es hat tatsächlich etwas von einem Sarg. Zumal diese Erde, die ich dazu genommen habe, Sargerde ist,  Erde für einen Friedhof. Gleichzeitig erinnert diese (Sarg-)Form auch an einen Goldbarren, also einen Erdbarren. Es könnte aber auch ein kleiner Kuchen sein. Also die Form ist mehrdeutig. Es kommt darauf an, mit welchen Erinnerungen oder Phantasien man sich Objekten oder Kunstwerken nähert. Deshalb war es für mich auch wichtig, mit Friedhofserde zu arbeiten. Deshalb auch diese schwarze Plastikgabel: Sie steht sinnbildlich für unseren westlichen Lebensstil. Und das Ganze ist bewusst provokant mit dieser kitschigen – oder kitschig wirkenden – Goldschleife garniert.

Stehen die beiden Kunstwerke in Verbindung?

Es geht beides Mal um Erde. Das war meine erste Arbeit mit Erde. Und die nenne ich „Mutterkuchen“. Also bewusst auch ein doppeldeutiger Titel, weil der Mutterkuchen das Ungeborene nährt. Und eigentlich soll uns die Erde nähren. Die Erde als Mutterkuchen. Wir dürfen sie nicht zu Grabe tragen.

Foto © Bernd Sobolla

 

Links daneben hat Lioba von den Driesch an der Fensterseite eine Skulptur gehängt: An Nylonfäden hängt eine runde schwarze Platte, auf der fünf kleine Holzhühner stehen. Ihre Köpfe lassen sich bewegen, wobei sie lautstark mit ihren Schnäbeln auf den Boden hauen (picken). In der Mitte der Platte steht eine (verängstigte?) Familie. Unterhalb der Platte hängt eine Kugel.

Lioba, Ihre Skulptur erinnert mich an ein Kinderspielzeug.

Lioba von den Driesch: Ja. Bei diesem Spielzeug ist mir auch das Industrielle aufgefallen, wenn die Hühner anfangen zu picken. Dieses Geräusch ist laut und hat etwas  Brutales. Ich habe mir gedacht: „Man kann dieses Spielzeug als Sinnbild nehmen: Hier die Scheibenwelt, und darunter dreht sich die große Abrisskugel.

 
Gefangene Betrachter
Lioba von den Driesch

Lioba von den Driesch: Landwirtschaftliches Bild zwischen Bodenhaltung und Bohrturm. (Foto © Bernd Sobolla)

Die Köpfe bewegen sich statisch wie Fördertürme, vielleicht von einer Ölförderanlage. Und die Leute in der Mitte erinnern an eine Touristengruppe, die das Ganze betrachtet, aber zugleich auch gefangen und abhängig ist.

Die Hühner bewegen sich nur mechanisch. Leben sie?

Sie leben zwischen dem landwirtschaftlichen Bild, also Bodenhaltung z.B., und diesem Bohrturm. Das sind natürlich alte Bilder. Sie erinnern fast an Pferdeköpfe, die aber einen sehr starken Symbolcharakter haben – für die Ölförderung. Es geht also auch um nicht nachhaltige Energien, um fossile Brennstoffe, die aus dem Boden geholt werden. Und irgendwann sind sie weg. Die Abhängigkeit von den nicht nachhaltigen Ressourcen ist noch nicht vorüber. Wenn man sich überlegt: „Was passiert, wenn der Strom eine Woche in ganz Berlin ausfällt?“ Es könnte eine Art Zusammenbruch der Zivilisation geben – vielleicht aber auch das Gegenteil…

Oliver Orthuber, "Blumenmaschine"

„Blumenmaschine“ von Oliver Orthuber (Foto © Bernd Sobolla)

 

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes hat Oliver Orthuber seine Skulptur „Blumenmaschine“ aufgestellt: eine Blumenvase, aus dessen Mitte ein Stab mit einem kleinen Monitor ragt.

Oliver, aus Ihrem Blumentopf wächst ein Monitor hervor. Wie ist das zu verstehen?

Oliver Orthuber: Das ist eine „Blumenmaschine“. Dazu habe ich mich von dem Philosophen Shri Loes bzw. von Max Ernsts „Zwitschermaschine“ inspirieren lassen. Für mich passt meine „Blumenmaschine“ perfekt zur Ausstellung „Der Boden, von dem wir leben“.

Ein Kreislauf aus Natur und Technik

Wir alle benutzen Handys, die aber nur durch den Einsatz Seltener Erden funktionieren. Die wiederum werden immer aufwendiger abgetragen bzw. aus dem Boden geholt. Mein Werk reflektiert diesen Kreislauf, der sich dabei abspielt: Denn die Technik wird für die Handys aus dem Boden gesogen. Gleichzeitig habe ich viele Youtube-Videos, die die Ausbeutung der Seltenen Erden zeigen, aufgenommen und segmentartig übereinander gelegt. Die können die Besucher jetzt hier auf dem Monitor sehen. Es ist ein Kreislauf aus Natur und Technik, Erde und Handy.

Sie haben das Werk aber nicht „Blumenerde“, sondern „Blumenmaschine“ genannt.

Oliver Orthuber stammt aus Sinnbad am Inn. Er macht Installationen, Performances, Videos und Malerei. (Foto © Bernd Sobolla)

 

Jeder muss jetzt selber darüber nachdenken, wo es hingeht mit unserer Welt. Für mich geht es in Richtung „Blumenmaschine“.

 

 

 

 

 

 

Neben Oliver Othubers „Blumenmaschine“ hängt „Bodenproben“ von Barbara Karsch-Chaïeb. Darauf ist ein leerer Acker zu sehen, in dessen Mitte sich eine grüne Fläche befindet. Das Werk ist eine Mischung aus Foto und Collage.

Barbara Karsch-Chaïeb

„Bodenproben“ von Barbara Karsch-Chaïeb (Foto © Bernd Sobolla). Sie arbeitet mit Installation, Video, Fotografie und Text. Immer wieder setzt sie sich mit dem menschlichen Leben auseinander, ob im Wasser oder in der Erde.

Mineralien verändern die Farbe des Bodens

Barbara Karsch-Chaïeb: Ich habe angefangen, Äcker und Felder zu fotografieren, hier z.B. ein Acker auf der Schwäbischen Alb. Aber Erde gibt es ja auch in der Stadt, im urbanen Raum. In der Stadt habe ich dann z.B. Baustellen fotografiert, u.a. auch Erde, wenn sie gerade abgegraben wurde. Das Ackerland habe ich genau so fotografiert. Die Böden haben übrigens ganz unterschiedliche Farben. Auf der Schwäbischen Alb sieht der Boden meist braun aus. In Stuttgart hingegen gibt es eher rötliche, rot-braune oder grüne Erden. Wenn man tiefer gräbt, sind im Boden  Eisen oder Eisenverbindungen drin, Mineralien, die diese verschiedenen Farben entstehen lassen.

Das Grüne, was ich hier in der Mitte sehe, erinnert mich an Kupfer.

Ja, genau! Kupfer ist auch grün. Diese Erde gibt es auch bei uns in Stuttgart. Und da habe ich jetzt eine ganz Besondere genommen, die man seit Jahrhunderten in der Malerei nimmt, ein ganz besonderes Grün, Veroneser Grün. Es gilt unter Malern als etwas Besonderes. Und das habe ich auf diesem Foto, auf diesen einfachen Acker gelegt, also als Pigment, leicht gebunden, sodass das Pigment, bzw. diese Haptik noch leicht zu sehen ist, um Kontraste zu schaffen.

Barbara Karsch-Chaïeb

Barbara Karsch-Chaïeb (Foto © Bernd Sobolla)

Die Verseuchung des Bodens durch Metalle? Oder wäre das zu viel interpretiert?

Das wäre zu viel. Ich lasse es bewusst offen. Ich glaube, es sollte uns allen ins Bewusstsein kommen, dass wir nur eine Erde haben, einen Boden haben, und dass wir wieder einen näheren Bezug zur Erde brauchen. Der darf nicht verloren gehen.

Bei der Installation „Breathearth“ von Maria Korporal wiederum verändert sich das Aussehen der Erde ständig. Auf einem Monitor sieht man einen ziemlich erodierten Boden. Der Monitor ist über ein Kabel mit einem kleinen Globus verbunden, in dem  ein Mikrophon eingebaut ist. Wenn ein Besucher nun seinen Atem betätigt, also in das Mikrophon pustet, erscheinen auf dem Monitor Gräser und Blumen. Die allerdings nach einer Weile wieder verschwinden…

Maria Korporal, "Breathearth"

Maria Korporal vor ihrer Installation „„Breathearth“ (Foto © Bernd Sobolla)

„Unser Atem ist bedeutungsvoller“

Maria, der menschliche Atem bringt die Erde zum Leben, wenn er ausbleibt, verschwindet aber auch das pflanzliche Leben.

Maria Korporal: Dieses Werk ist eine Weiterentwicklung einer Installation von 2016, die ich damals ausgestellt habe. Ich war an der Organisation des Festivals „The Heart Earth“ beteiligt. Alle Sachen hatten einen Bezug zur Erde. Zuerst hatte ich die Idee, etwas zu machen, das durch den  Herzschlag verändert wird. Aber der war zu leise für das Mikrophon. Dann ist mir aufgefallen, dass unser Atmen lauter und darüber hinaus bedeutungsvoller ist.

Die Erde, die Sie zeigen, ist keine typische Humuserde.

Nein, das stimmt. Ich wollte etwas ganz Trockenes haben, etwas, das fast wie ein anderer Planet wirkt. Es sollte aussehen, als wäre der Boden ohne Leben.

Die Installation basiert auf einem Computerprogramm, das die Atmung umsetzt?

Das ist ein Strip, das sowohl auf leise Töne als auch auf starke Volumen reagiert. Wenn man sehr laut redet, funktioniert es ebenso. Ich kann einfach etwas sagen: Ha, Ha, Ha, Ha, Ha!!! Und es funktioniert auch.

Der Atem gefällt mir trotzdem besser…

Schräg gegenüber von „Breathhearth“ hängt das Bild „Rio Morto“ des französischen Künstlers Clement Loisel. Es zeigt in der Mitte einen roten Fluss, der fast wie ein Lavastrom wirkt. Rechts und links daneben befindet sich grüner Wald, in dem zwei transparente Menschengestalten stehen und den Strom beobachten.

Die Erde blutet

Clement, Ihr Bild sieht blutig aus, obwohl es draußen in der Natur ist.

Clement Loisel: Mein Bild basiert auf ein Ereignis im Brasilien. 2015 brach im Distrikt Bento Rodrigues ein Staudamm. Ein großes Gebiet von mehreren tausend Quadratkilometern wurde mit giftigem Schlamm bedeckt. Mein Gemälde zeigt die Folgen dieser Katastrophe als offene Wunde im Boden. Einige sagen, dieser rote Fluss sehe aus wie eine Vagina. Aber man kann es auf viele Arten interpretieren. Auf jeden Fall blutet die Erde aufgrund unserer Fehler. Und wir werden dafür bezahlen.

Rio Morto, Clement Loisel

Das Bild „Rio Morto“ des französischen Künstlers Clement Loisel. (Foto © Bernd Sobolla)

Es gibt zwei Menschen, die fast durchsichtig erscheinen. Man könnte an Geister denken.

Das ist eine Anlehnung an die Figuren aus Millets berühmtem Gemälde „L‘Angelus“, die an dem Ort des Ereignisses beteten. Allerdings sind meine Figuren Bauern. Sie beten dafür, dass ihre harte Feldarbeit mit reicher Frucht belohnt werde. Sie stehen als Erinnerung dafür, dass unser Geist stärker ist als unsere Menschlichkeit.

Im dritten Raum schließlich läuft Matthias Frischs Film „Wolken“. Er hat ihn zwei Wochen zuvor im Rahmen seines Aufenthalts in der Akademie für Suffizienz in der Prignitz gedreht.

…dass es vielleicht Nebel ist“

Matthias, auf Ihrem Film sieht man Land, Traktoren und vor allem viel Staub. Der Traktor fährt über das Feld, und es wirkt fast wie normale Feldarbeit, wenn der Staub nicht zu einer riesigen Wolke würde…

 Matthias Fritsch: Ich war in die Residenz in der Prignitz eingeladen und gleich in den ersten Tagen fiel mir auf, dass die Bauern in diesem extrem trockenen Sommer immer noch den Boden bearbeiteten. Diese Traktoren räumen komplett die Pflanzen vom Feld, sodass der Boden im Prinzip brach liegt und dann einfach der Erosion ausgesetzt ist. Und daraus habe ich eine Zweikanal-Installation entwickelt. Auf der Vorderseite siehst man immer nur Bilder mit Wolken. Wenn man es nicht so genau weiß, dann könnte man auch denken, dass es vielleicht Nebel ist. Und wenn man auf die Rückseite geht, dann sieht man so schwere Landmaschinen, die gerade den Boden bearbeiten. Dann wird klar, woher die „Wolken“ herkommen. Es sind nämlich nur Staubwolken. Wobei die obere Schicht des Bodens, im Prinzip die fruchtbare Schicht, durch den Wind weggeweht wird.

Aber die Bauern müssten sich doch des Problems bewusst sein, oder?

Ja, aber es gibt halt immer weniger Bauern mit immer größeren Flächen. Die haben sehr große Maschinen, für die sie Kredite aufgenommen haben und die sie benutzen wollen. Zusätzlich haben sie wahrscheinlich Terminprobleme. Also sagen sie sich: „Okay, jetzt habe ich gerade Zeit. Ich mache mal den Acker hier.“ Auch wenn es jetzt schon seit sechs Wochen nicht mehr geregnet hat und der Boden total trocken ist. Es ist halt auch kurzfristiges Denken, was die Praxis der Landwirtschaft bestimmt.

Viel Regen oder viel Wind

Was in diesem Hitzesommer besonders folgenreich sein dürfte.

In einem verregneten Sommer würde der Wind natürlich nicht so viel Boden wegwehen. Aber da kann es natürlich sein, dass der gleiche Effekt durch Regen passiert. Dass die obere Schicht einfach weggewaschen wird. Wenn man alle Pflanzen vom Acker holt, dann halten die Pflanzen dem Wind nicht mehr stand – aber auch nicht mehr dem Regen. Viel Regen hat einen ähnlichen Effekt wie viel Wind.

Das Abschlusswort gehört Tom Albrecht, dessen Kunstaktion „Bodenwerk“ am 14. September um 19.00 Uhr stattfinden wird.

Tom Albrecht, gründete Group Global 3000 vor rund fünf Jahren.

Tom, was wird Gegenstand Ihrer Performance am 14. September sein?

Ich habe vor, die Gäste zu bitten, selber Boden mitzubringen, eine Hand voll, egal woher. Sie sollen damit hierher kommen, um ihren Boden vorzustellen. Dann zieht jeder ein Kärtchen. Und entsprechend des Kärtchens wird der Boden umgewidmet. Dann wird aus dem Boden vom eigenen Gartenboden erodierter Boden. Oder Boden, der gegrabbt wurde, landgrabbing. Wir sprechen dann immer darüber. Es ist wichtig, dass man dann auch in den Dialog kommt, was für ein Boden das ist. Auch was der für eine Bedeutung für den Einzelnen hat. Und dann: Was heißt das, wenn der umgewidmet wird? Was verstehen wir darunter?

 

Ausstellung:

Galerie Group Global 3000, Leuschner Damm 19, 10969 Berlin-Kreuzberg

Tel. 0172 – 189 2705, E-Mail: kontakt@groupglobal3000.de

Termine:

31.8., 17-20 Uhr: Die Künstlerin Kirsten Wechslberger ist anwesend.

7.9., 17-20 Uhr: Die Künstlerin Irene Hoppenberg ist anwesend.

21.9., 5.10., 12.10. Jeweils 17-20 Uhr

Künstlergespräch

14.9., 19 Uhr: Mit „Bodenaktion” – Künster/innen sprechen mit Gästen über ihre Werke.

“Bodenaktion” Tom Albrecht: Die Gäste werden gebeten, eine handvoll Erde mitzubringen.

Vortrag / Gespräch

28.9., 19 Uhr, “Boden – Basis des Lebens” Dr. Haiko Pieplow, Bodenkundler.Ithaka-Institut

Finissage

19.10., 19 Uhr: Performance “erde” Duo Orthuber – Okuda