Andrea Donath & Jörg Boysen über Montessori-Pädagogik

Am 6. September startet der Kinofilm:  „Das Prinzip Montessori – Die Lust am Selber-machen“

„Wo ist denn das normale Spielzeug?“

 Wenn in Deutschland über das Bildungssystem diskutiert wird, geht es meist um marode Schulen, den Lehrermangel und das Pisa-Trauma. Eigentlich könnte das reichlich Stoff für Kinofilme geben. Aber davon sieht man nicht viel. Und wenn es mal in deutschen Filmen um Schule geht, dann meist um Unterhaltung. Stichwort: „Fack ju Göthe“.  In Frankreich hingegen gibt es viele Filme, die sich ernsthaft mit dem Bildungssystem auseinandersetzen: Man denke nur an „Sein und Haben“, „Die Kinder des Monsieur Mathieu“, „Die Grundschullehrerin“, „Die Schüler der Madame Anne“ oder ganz aktuell „Die brillante Mademoiselle Neïla“. In diese Filme reiht sich nun ein neuer Dokumentarfilm ein, der jetzt in die Kinos kommt: „Das Prinzip Montessori – Die Lust am Selber-Lernen“ von Alexandre Mourot. Vor 100 Jahren formulierte die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori ihr Credo: Es gilt die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ der Kinder zu unterstützen, d.h. ihre geistige Unabhängigkeit. Ein Gespräch mit Andrea Donath (Leiterin der Freien Montessori Schule Berlin und Vorsitzende der Deutschen Montessori Gesellschaft) und Jörg Boysen (Montessori Dachverband Deutschlands e.V.).

Das Prinzip Montessori - Die Lust am Selber-machen

Szene aus „Das Prinzip Montessori – Die Lust am Selber-machen“. Kinder lernen am besten von Kindern. / Foto: Neue Visionen Filmverleih

 

Bernd Sobolla: Herr Boysen, wann immer es um Schule und Bildung geht, ist Frankreich den deutschen Filmemachern weit voraus. Welchen Stellenwert hat die Montessori-Pädagogik in Deutschland?

Jörg Boysen: Deutschland hat sicherlich die größte Montessori-Bewegung in Europa. Das gilt für den Bereich „Kinderhaus“, d.h. Kinder im Alter von 0-6 Jahre. Aber in Deutschland gibt es auch viele Montessori-Grundschulen und auch Schulen der Sekundarstufe, von denen einige bis zum Abitur führen. Das ist in anderen Ländern nicht so verbreitet. Außerdem muss man z.B. in Frankreich schauen, was sich hinter den sogenannten Schulen verbirgt. Wenn etwas School oder Ècole heißt, kann es auch etwas sein, was wir Kindergarten nennen würden. In Frankreich ist Montessori gerade am Wachsen. Der springende Punkt bei dem Film ist, dass der Regisseur selber ein Kind im Montessori Kindergarten hatte, und er dann die Idee entwickelte, daraus einen Film  zu machen.

Anspruch an Schönheit

Frau Donath, gleich neben Ihrer Montessori-Schule befindet sich eine Regelschule. Allerdings sieht die nicht sehr einladend aus. Das Gebäude besteht aus grauen Betonplatten, der Schulhof ist spartanisch gestaltet. In dem Film hingegen wird betont, dass Ästhetik und Schönheit in der Montessori-Arbeit einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Warum?

Andrea Donath: Ich glaube, Schönheit ist nicht nur für die Pädagogik wichtig, sondern für uns Menschen generell. Wenn etwas schön ist, wenn es uns anspricht, uns einlädt, dann haben wir auch Lust zuzugreifen, aktiv zu werden. Dann beschäftigen wir uns mit den Dingen gern. Wir brauchen ja nur evolutionär zu schauen. Die Beere, die rot ist und saftig aussieht, zu der greife ich, und die esse ich. Es liegt in uns Menschen, dass wir auch einen Anspruch an Schönheit haben. Natürlich ist Schönheit relativ und liegt immer im Auge des Betrachters. Aber im Fall der Montessori-Pädagogik soll schönes Lernmaterial die Kinder anregen, sie willkommen heißen. Und gerade bei den ganz jungen Kindern, also den 0 bis 3-jährigen und 3- bis 6-jährigen, wo es noch darum geht, den Platz in der Welt zu finden, ist es natürlich sehr einladend, wenn sie mit schönen Dingen umgeben sind.

 Bildungsnahe Schichten fühlen sich besonders angesprochen

Jörg Boysen

Jörg Boysen (Vorsitzender, Montessori Dachverband Deutschlands e.V.)  Photo © Bernd Sobolla

 Maria Montessori hat gesagt: „Eine Gesellschaft ist umso interessanter je vielfältiger die Gruppen- und Persönlichkeiten sind.“ Ich sehe in dem Film aber keine Kinder mit Migrationshintergrund. Dabei gibt es gerade in Frankreich z.B. eine große arabische Community. Der Regisseur Alexandre Mourot sagte, dass das daran liege, dass Montessori Schulen in Frankreich private Schulen seien. Wie ist das in Deutschland?

Andrea Donath: Also wir hier in Köpenick sind auch eine private Einrichtung. Und eine Tatsache ist, dass Eltern, die hier zu uns kommen und ihr Kind hier anmelden wollen, in der Regel sehr bildungsnah sind. D.h. sie haben sich mit der Pädagogik schon vorab auseinandergesetzt. Sie wissen, welches Angebot sie ihrem Kind unterbreiten wollen. Aber wir haben durchaus verschiedene soziale Schichten. Man kann nicht sagen, dass es sich nur um den Mittelstand handelt. Da ist der Fächer weit geöffnet, auch vom kulturellen Aspekt her. Das bezieht sich allerdings vor allem auf Kinder mit englischem, spanischem oder französischem Hintergrund. Auch einige asiatische Familien sind dabei. Was Ihre Beobachtung im Film betrifft, muss ich sagen, dass auch wir kaum Kinder aus dem arabischen Kulturkreis haben. Das sieht man auch insgesamt in der Aufteilung der Montessori Pädagogik weltweit. In arabischen Ländern entwickelt sich die Montessori Pädagogik noch sehr zurückhaltend.

Themenbereiche, die dem eigenen Entwicklungsstand entsprechen

Gibt es Aspekte der Montessori Pädagogik, die im Film zu kurz kommen?

Jörg Boysen: Mit fiel auf, dass man am Anfang nur Kinder sieht, sieht wie sie arbeiten. Und erst nach fast einer halben Stunde kommt der erste Erwachsene. Und dann fällt einem auf: Die waren ja selbstständig! Und ich denke, das ist ja kein Zufall, dass das so gemacht ist. Das Zweite: Man sieht die Entwicklung sehr gut. Der Film begleitet die Kinder ja ein ganzes Jahr und hält fest, wie sie sich weiter entwickeln. Und das Dritte, was mir auch gut gefallen hat: Auch im Kinderhaus werden Materialien angeboten, die eigentlich im Standardlehrplan der Grundschulen sind. Ob es nun die Wortarten sind, ob es nun einfache Divisionen sind. Auch wenn es so nicht genannt wird. Jedes Kind kann die Materialien nehmen, die dem eigenen Entwicklungsstand in dem speziellen Themenbereich entsprechen. Dass ist wichtig für diejenigen, die nur die klassische Schule kennen und sich fragen: „Warum machen die die Wortarten? Das macht man doch gar nicht im Kinderhaus.“ Warum denn nicht?

Alexandre Mourot (Foto: Bernd Sobolla)

Der französische Dokumentarfilm-Regisseur Alexandre Mourot. Photo © Bernd Sobolla

Andrea Donath: Mir fehlt in dem Film gar nichts. Im Gegenteil: Der Film bietet viel Zündstoff… Ich habe die große Hoffnung, dass nicht nur Pädagoginnen und Pädagogen, sondern auch viele Eltern sich den Film anschauen, weil wir ja täglich hier diese Gespräche mit Eltern führen. Und die immer wieder wird die Frage gestellt: „Ja, wo ist denn das normale Spielzeug?“ Dabei merke ich, dass wir unsere Erwachsenenperspektive auf die Kinder übertragen. Und wir glauben, was wir Erwachsene gut finden, muss auch für die Kinder gut sein. Der Alltag bestätigt aber etwas anderes.

Montessori-Pädagogik kanm schon vor der Geburt beginnen

Gibt es ein ideales Alter für die Montessori-Pädagogik?

Andrea Donath: Das ganze Konzept dieser Pädagogik ist ein Entwicklungskonzept. Es beginnt – das ist leider in Deutschland noch sehr wenig bekannt – mit der Begleitung der Familien, die ein Kind erwarten. Dass dort ein Assistent der frühen Kindheit in die Familie geht, die Familie im Werden zur Familie begleitet. Dass das Kind nach der Geburt in eine sogenannte Infant-Community gehen kann, also eine Kleinkindgemeinschaft, die wir hier auch haben. Das geht bis zum dritten Lebensjahr. Dann setzt das Kinderhausalter ein für die drei- bis sechsjährigen. Dann der Grundschulbereich, den sie angesprochen haben, mit dem großen Plan der Kosmischen Erziehung, für die sechs- bis zwölfjährigen. Daran schließt sich die dritte Entwicklungsstufe an. Das ist unser Entwicklungsstufenmodell, für die 12- bis 18-jährigen, wo der Erdkinderplan und die Jugendschule vor allen Dingen verankert sind. Und der letzte Schritt, bis man schließlich mit beiden Beinen in der Gesellschaft steht und weiß: Wohin will ich gehen? Wie soll mein Umfeld aussehen und welchen Beitrag leiste ich, damit diese Erde hier erhalten bleibt? Dieser Schritt liegt dann im Alter von 18. bis 21. Jahre. Also es ist ein sehr großes Spektrum.

Andea Donath

Leitet die Freie Montessori Schule Berlin, Andrea Donath. Sie ist außerdem Vorsitzende der Deutschen Montessori Gesellschaft. Photo © Bernd Sobolla

Jörg Boysen: Maria Montessori hat die Entwicklungsphasen der Kinder beobachtet und entsprechende pädagogische Konzepte erarbeitet, die dann auch umgesetzt werden. Also ideal ist das Konzept in allen Altersstufen. Wenn man aber die Praxis anschaut: Ganz viele Kindergärten werden gegründet als Elterninitiativen. Das fängt meistens im Alter 3 bis 6 Jahren an, manchmal auch früher. Die Initiatoren sagen dann: „So, das war jetzt toll! Lasst uns mal eine Grundschule gründen!“ Schon das ist viel anspruchsvoller, als einen Kindergarten zu betreiben. Und ob man nun vorher einen Kindergarten hatte oder nicht:  Und noch komplizierter wird es mit einer Genehmigung für die Sekundarstufe 1. Das stellt viel höhere Anforderungen an die Schulgenehmigung. Sodass es davon nicht mehr so viele gibt wie Grundschulen. Oberschulen mit gymnasialer Oberstufe gibt es in Deutschland etwa 15 bis 20. Aber das ist dann wirklich eine Herausforderung.

Damit nehme ich dem Kind die Eigeninitiative

Im Film taucht das Statement auf: „Wenn der Lehrer beginnt, etwas zu kontrollieren, dann lässt das Interesse des Kindes nach!“ Können Sie das bestätigen?

Andrea Donath: Absolut. Wir sprechen da von der intrinsischen Motivation. Also ich tue etwas für mich, aus mir heraus. Und mein Hauptinteresse liegt darin, dass ich wachsen möchte. D.h. wenn von außen dann die Kontrolle kommt, heißt das immer, dass derjenige in bestimmte Bahnen gelenkt wird. Dann bin ich aber nicht mehr in diesem freien Rahmen. Oft denken wir z.B.: Ich weiß jetzt, was das Kind sagen möchte, und beende den Satz. Damit nehme ich dem Kind die Eigenaktivität und es wollte vielleicht inhaltlich ganz woanders hin. Es ist schwierig das auszuhalten als Erwachsener und die eigene Persönlichkeit zurückzunehmen. Das ist der hohe Anspruch dieser Pädagogik. Dass wir sehr viel selbstreflektierend arbeiten und auch immer wieder hinterfragen: Um wen geht es eigentlich? Und es geht nicht den Erwachsenen.

Das Prinzip Montessori

Diese beiden Kinder sind in „Das Prinzip Montessori“ noch nicht beim Buchstaben K. Foto: Neue Visionen Filmverleih

„Mein Kind ist schon beim Buchstaben K“

Jetzt möchte ich Sie bitten, gesamtgesellschaftlich zu blicken. Helikopter-Eltern haben oft dieses Leistungsding im Kopf. Sie wollen nicht nur Sicherheit und alles rund um ihre Kinder kontrollieren, sondern auch die optimale Bildung und auch die Karriere schon vorbereiten. Welche Tendenzen beobachten Sie in der Elternschaft?

Jörg Boysen: Eltern, die noch kein Kind auf der Schule hatten und auch in der Verwandtschaft keine enge Erfahrung haben, wenn die an Montessori Grundschulen kommen, dann wundern sie sich oft, dass es keine Leistungsüberprüfung gibt, und sie sind unsicher. Die Kinder bringen keine Arbeiten nach Hause, Hausaufgaben wurden nicht zensiert… Dann reden sie mit dem Nachbarn, und der Nachbar sagt: „Mein Kind ist schon beim Buchstaben K.“ Deshalb gibt es an vielen Montessori-Grundschulen auch Elternschulungen. Damit die Eltern lernen, das Vertrauen zu entwickeln. Am dankbarsten sind die Eltern, die schon mal woanders ein Kind hatten, wo das Kind vielleicht frustriert war. Die merken dann, dass ihre Kinder an Montessori Schulen aufatmen. Und dann merken sie: „Es geht um mich. Ich kann in meinem eigenen Tempo vorangehen. Ich kann mir die Partner aussuchen, mit denen ich zusammenarbeite.“ Es wird nicht so durchgetaktet wie an Regelschulen. Es gibt keinen Maßstab, an den sich alle gleichzeitig halten müssen. Sie haben vorhin die Heterogenität angesprochen. Heterogenität ist kein lästiges Übel. Aber wenn man viele Artikel liest, wird es häufig so gesehen. Heterogenität ist eine Chance und ist notwendig, um in der Lerngruppe etwas zu lernen.  Dafür muss man natürlich eine vorbereitete Umgebung haben. Die Lehrer und Erzieher müssen darauf vorbereitet sein. Man kann nicht einfach sagen: „Super, heterogene Lerngruppe!“ Und dann will ich aber Frontalunterricht machen. Das geht nicht.

Eltern können nicht alles steuern

Das Prinzip Montessori

Die Begeisterung des Beobachtens und Nachahmens. „Das Prinzip Montessori – Die Lust am Selber-machen. Foto: Neue Visionen Filmverleih

Andrea Donath: Ich bin ja auch Mutter. Und einer meiner Söhne ist hier an dieser Schule. Das hat mir noch Mal gezeigt: Wichtig ist es auch, Vertrauen in das Kind zu haben, dass es seinen Weg geht. Wir als Eltern sind alle unseren Weg gegangen und haben Erfahrungen gesammelt. Und wenn sie positiv behaftet sind, dann gehen wir davon aus: „Genau das soll auch meinen Kindern widerfahren. Damit ihnen diese Tore fürs Leben geöffnet werden!“ Wir sollten aber auch die Erfahrung haben, dass es auch anders geht – in vielerlei Hinsicht. D.h. ich muss auch loslassen können und vertrauen, dass der werdende Mensch seinen Weg geht und findet. Das ist ein natürlich ein hoher Anspruch. Da bedarf es einer intensiven Zusammenarbeit: Also immer wieder Gespräche, Gespräche. Es bedarf eigentlich weniger Arbeit mit den Kindern. Und wissen Sie, was der große Vorteil ist an dem Konzept? Wenn ich schon in der Familie bin, wenn sie Eltern werden, dann baut sich ein ganz anderes Verhältnis auf. Denn werdende Eltern sind offen dafür: Welche Rolle übernimmt ein Vater und eine Mutter? Sie entwickeln die Sensibilität zum Eltern sein. Und die ist am stärksten – auch aus heutiger Sicht der Lernpsychologie – wenn Eltern ein Kind erwarten und im ersten Lebensjahr. Dabei geht es darum, die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zu gestalten, zu zeigen: Ich kann gewisse Dinge nicht steuern. Wenn wir uns das Zahnen anschauen. Ich kann es nicht beeinflussen. Hat ein Kind schon Zähne? Was, es sind nur zwei? Meins hat schon vier! Na und, was will ich tun, wenn mein Kind nur zwei Zähne hat? Die Gelassenheit, das Vertrauen zu entwickeln, das alles seine Zeit hat, dass die Kinder sehr wohl wissen, was sie tun und nichts ohne Grund machen, das bedarf einer großen inneren Ruhe und Vertrautheit. Und da müssen Menschen da sein, die mit an der Seite sind.

Kein Bauchwarenladen

Noch mal der Blick von oben: Wo befindet sich die Montessori-Pädagogik in zehn Jahren. Wird es mehr Einrichtungen geben, weniger? Wo sind die Tendenzen?

Jörg Boysen: Also zunächst  werden die Schulen, die gegründet wurden, weiter ausgebaut. Dass eine Sekundarstufe dazukommt und auch Kindergärten. Viele bieten bisher nur das Alter drei bis sechs Jahre an. Neugründungen sind nicht mehr so leicht im Schulbereich, weil das in vielen Bundesländern restriktiver behandelt wird. Wir haben vor, mehr Öffentlichkeitsarbeit zu machen, auch heranzugehen und die Vorteile der Pädagogik professioneller herauszustellen. Der Umgang mit der Individualität, die Anforderungen mit der Inklusion, das sind alles Dinge, die eigentlich zur Montessori Pädagogik am besten passen. Es gibt auch viele staatliche Einrichtungen, die in die Richtung Heterogenität gehen. Es gibt flexible Eingangsklassen und Ähnliches. Es gibt ganz verschiedene Arten von guten Schulen. Wir sagen: Montessori-Schulen haben die Kombination von ausgebildeten Pädagogen, vorbereiteter Umgebung und eine spezielle Art, die Schule zu organisieren. Diese drei Sachen müssen zusammenpassen. Wir arbeiten jetzt stärker daran, dass das Verständnis dafür klarer wird. Es handelt sich nicht um ein Bauchwarenladen, aus dem man ein paar Elemente herausnimmt, sondern ein Gesamtkonzept.

Interview: Berlin-Köpenick, August 2018