Jim Rakete – „Now“

„Das wird uns schwerer treffen als die Klimaproblematik“

Einen Monat vor der Bundestagswahl (26. September 2021) startet Jim Raketes Dokumentarfilm „Now“ in unseren Kinos. Rakete gehört zu den berühmtesten Fotografen Deutschlands, der besonders in 1980er und 1990er Jahren zahlreiche Bands und Musiker portraitierte – fast immer in schwarz-weiß. Darunter Nina Hagen, Spliff, Die Ärzte, Nena oder Interzone. Doch Rakete pflegt auch Kontakte in die Politik, ist mit Otto Schily befreundet und unterstützte Gerhard Schröder im Bundestagswahlkampf 2005. Mit „Now“ widmet sich Jim Rakete jetzt den wichtigsten Gruppen der Klima- und Umweltaktivisten. Er lässt zahlreiche Protagonisten/-innen zu Wort kommen und begleitete einige ihrer spektakulären Aktionen, so die Waldblockaden im Hambacher Forst und das Eindringen in den Braunkohletagebau in Ost-Deutschland.

Demo Fridays for Future mit Greta Thunberg und Luisa Neubauer, 29. März 2019, Berlin. Copyright: W-Film / Starhaus Produktion

Bernd Sobolla: Jim Rakete, als Fotograf sind Sie eine Ikone, als Filmregisseur aber wenig bekannt. Wie kam es dazu, dass Sie die Regie zu „Now“ übernahmen?

Jim Rakete: Das ursprüngliche Konzept zu „Now“, das stark verändert wurde, stammte von Claudia Rinke. Sie hat als Anwältin geabeitet, war u.a. eine Zeit lang in New York für Projekte der UN tätig und hatte deshalb sehr gute Kontakte. Außerdem kennt sie sich sehr gut in der Aktivistenszene aus. Claudia hatte den Kurzfilm „Toyota Umwelt-Kampagne’“ von mir gesehen, den ich vor drei Jahren mit Jella Haase gedreht hatte: Ein Gedankenaustausch zwischen uns beiden, Jella in Berlin, ich in Los Angeles, über Leben und Veränderung, Entwicklung, Stille und Umwelt.

https://www.youtube.com/watch?v=XD1MCjTXPCY&t=80s

Davon war sie sehr angetan und fragte mich, ob ich nicht „Now“ drehen wolle. Wir haben dann über ihr Konzept zu „Now“ gesprochen, haben uns dann aber weit vom Ursprungskonzept entfernt. Das Einzige, was wir behalten haben, war das Narrativ, dass die jungen Aktivisten irgendwann wieder in New York demonstrieren. Und das Zweite war, dass der Film unbedingt „Now“ heißen sollte.

Jim Rakete (hasst es von anderen fotografiert zu werden) auf der Rückseite des Mediencampus´ Babelsberg anlässlich der Vorführung von „Now“.

Als Filmemacher sind Sie noch nicht so in Erscheinung getreten, auch wenn Sie einst den deutschen Teil zu „Live Aid“ (1985) gemacht haben. War „Now“ eine Art Regiedebüt für Sie, mit immerhin 70 Jahren?

Was Kino anbelangt ist es mein Regiedebüt. Aber eigentlich kann man nur bedingt von Regie sprechen. Ich meine, als Dokumentarfilmer muss man sehen, dass man möglichst qualitativ hochwertiges Material bekommt. Und wir wollten uns mit dem Film auf Hoffnungen fokussieren und nicht einfach nur das Klimaproblem darstellen.

Im Gegensatz zur Fotografie, dem Festhalten eines einzigen Moments, beschreiben Sie plötzlich unterschiedliche Ort, Zeiten, gehen mit bewegten Sequenzen um. Inwieweit hat sich ihre künstlicherische Herangehensweise damit verändert?

Schneiden ist eigentlich der falsche Begriff, es geht doch ums Zusammenbringen

Das ist natürlich luxuriös, einen Film zu drehen im Vergleich zu einem Foto, weil der Film auch andere Seite(n) berichten kann. Man kann Sachen auch mit der Schere zusammenbringen. Man spricht ja immer von „schneiden“, als würde man da Sachen auseinanderschneiden. In Wirklichkeit bringt man Sachen zusammen. Man bringt Ideen zusammen, man bringt Gedankengänge zusammen, und man bringt Argumente in so einem Film zusammen. Daraus ergeben sich dann mehrere Rote Linien, die durch den ganzen Film gehen.


Extinction Rebellion „Trauerzug der Toten Bäume“, 7. Oktober 2019, Berlin (Copyright: W-Film / Starhaus Produktion)

God Cop, Bad Cop…

Mich hat begeistert, wie Sie die Aktivistengruppen portraitieren, die ganz unterschiedliche Schwerpunkte haben. Eine Bewegung wie „Ende Gelände“. z.B. durch Massenblockaden, andere wie „Plant for the Planet“ bäumepflanzend – fast im lutherschen Sinn. Wieder andere eher künstlerisch oder wissenschaftlich. Gibt es eine oder zwei von diesen Gruppen, die Sie besonders beeindruckend finden?

Ich fand viele von denen sehr, sehr clever. Aber insgesamt lässt sich sagen, in der ganzen Palette der Bewegungen, die es gibt, dass die ein sehr geschicktes Spiel von „good cop, bad cop“ machen. Die eine Bewegung tritt sehr höflich auf und erläutert sehr genau, was sie wollen und was sie fordern. Und die andere besetzt dann einfach kackfrech irgendeinen Tagebau oder irgendeinen Industriekomplex. Und beides zusammen ergibt einen ganz anderen Sinn, weil damit dann alles abgedeckt ist. Und davon gibt es irrsinnig viele. Also ich meine die „Exitinction Rebellion“, um nur ein Beispiel zu nennen, die tragen das ja auch im Namen, dass sie sich über das Artensterben ganz anders Gedanken machen. Das ist ja der nächste Schritt. Also das Klima ist das eine, aber am Horizont lauert ja schon dieses Artensterben, dessen Dimension wir noch gar nicht wirklich verstanden haben. Und das wird uns am Ende, glaube ich, noch viel schwerer treffen als die Klimaproblematik.


Luisa Neubauer, Aktivisten und Wortführerin Fridays for Future Deutschland (Copyright: W-Film / Starhaus Produktion)

Ich war erstaunt, dass auch Patti Smith im Film auftauchte. War Patti als Pop und Poesie-Ikone für Sie als Fotograf, der viele Künstler und besonders viele Musiker portraitiert hat, ein angenehmer Referenzpunkt?

Das hat sich ein bisschen anders ergeben. Ich habe sehr viel von ihr gelesen. Und ich weiß, wie aktiv sie war in vielen Bewegungen. Und dann hatte ich vor einigen Jahren als Kameramann bei einem Film gearbeitet, in dem sie eine Rolle spielte, und kannte sie daher schon. Aber nicht besonders gut, sondern eher kurz und herzlich, so wie das manchmal beim Film der Fall ist. Und ich hatte immer das Gefühl, dass sie etwas erzählen könnte, wie Dinge angefangen haben, wie Dinge ins Stocken kamen. Und sie hat ja dann auch sehr schön erzählt, wie sie schon als Kind großes Misstrauen hatte gegen Einweggegenstände, vom Rasierer bis zum Kugelschreiber. Dass sie sich schon als Kind gefragt hat: „Wo bleiben die alle?“

NYC Climate Strike (Globaler Klimastreik), 20. September 2019, New York, USA (Copyright: W-Film / Starhaus Produktion)

„Gleichwohl kamen die Waldbrände immer näher“

Sie haben viele Jahre in Los Angeles gelebt. Wann war das genau und wie haben sie die Umweltbewegung dort erlebt?

Das war Anfang der 1990er Jahre. Und Kalifornien war sehr stark geprägt davon, dass die kalifornische Luft ganz stark bedroht war. D.h. die ganze Gesetzgebung zum Clean Air Act in Amerika ging in erster Linie von Kalifornien aus. Und das Zweite war, dass sie gleichermaßen auf Windkraft und Solarenergie setzten. Und dass sie sehr früh für Autos den Katalysator eingeführt haben. Das machte alles einen großen Unterschied. Gleichwohl kamen die Waldbrände L.A. immer näher, als ich dort lebte – und heute erst recht. Ich habe damals auch erlebt, als die Büsche weggebrand waren von den Hängen und Bergen, wie es dort in den Canyons gewaltige Schlammrutsche oder besser gesagt Erdrutsche gab. Das war ziemlich traurig.

Gab es etwas besonders Bemerkenswertes oder eine besondere Enttäuschung im Rahmen der Filmarbeiten?

Enttäuschen kann man sich nur selbst. Wenn man enttäuscht ist, heißt das, dass man sich vorher getäuscht hat. Enttäuscht kann man sein, wenn man jemanden überschätzt. Aber ehrlich gesagt, bin ich ein ziemlicher Profi. Ich überschätze nicht viele. Bemerkenswert fand ich u.a. die Analogie von Wim Wenders. Wie Wim davon erzählt, als kleiner Junge Schmetterlinge gesammelt zu haben, die er selbst gefunden hatte, und über hundert verschiedene Exemplar in seinem Schmetterlingsbuch zusammentrug. Heute finden wir, wie Wim betont, in Deutschland wahrscheinlich nur noch einen Bruchteil davon.

Interview: Babelsberg, September 2021

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